Das Recht auf einen sicheren Fluchtweg durchsetzen

Lisa Bolyos über Emmanuel Mbolelas‘ politische Autobiographie »Mein Weg vom Kongo nach Europa. Zwischen Widerstand, Flucht und Exil«.

Was macht ein Zuhause aus und wieso geht man von dort weg? »Um ein neues Leben zu beginnen oder um ein Leben zu retten« (S. 61), ist Emmanuel Mbolelas Antwort. Er hat den Kongo, wo er nicht nur sozial, sondern auch politisch verankert war, unfreiwillig verlassen. Und er will dorthin zurück, er will mitreden, mitgestalten, teilhaben  am Aufbau einer solidarischen Gesellschaft. Aber vorerst stehen alle Zeichen auf fernbleiben. In den Niederlanden ausharren, wo Mbolela nach langen Jahren der Flucht und der mühsamen Ankunft die Staatsbürgerschaft errungen hat. »Oh Kongo! Sollst du tatsächlich jenes fluchbeladene Land sein, das diejenigen zur Flucht verdammt, die sich zum Ziel gesetzt haben, den von Lumumba begonnenen Kampf fortzuführen?« (S. 15).
»Mein Weg vom Kongo nach Europa. Zwischen Widerstand, Flucht und Exil« heißt Mbolelas politische Autobiographie, die heuer beim Wiener Mandelbaum Verlag in deutschsprachiger Übersetzung erschienen ist und schon jetzt in die dritte Auflage geht. Mbolela beschreibt darin weit mehr als diesen Weg, den er angetreten hat, »um sein Leben zu retten und um ein neues Leben zu versuchen«. Er erzählt vielmehr eine kurze Geschichte des Kongo und eine vielgestalte Geschichte der afrikanisch-europäischen Migration. Am Ende ist es ein wenig simples Bild, das hängen bleibt – ungleich dessen, das in den europäischen Tagesmedien so gerne transportiert wird. Nichts ist mehr eindimensional: nicht die Entscheidung, aufzubrechen, nicht der Schmerz, es zu müssen, nicht die Wege, die beschritten werden, um fortzukommen, und nicht das Ziel. Denn das Ziel ist wandelbar – es ist einmal die nächste Großstadt, dann das Nachbarland, es kann Nordafrika sein und auch Europa. Aber das kommt manchmal erst, wenn sonst gar nichts mehr geht – oder wenn der Zufall es will. »Ich musste mich also darauf einstellen, mich nach Europa durchzuschlagen, um dort Asyl zu beantragen.« (S. 69), schreibt Mbolela in eher abgegessenem Ton – kein Traum vom Paradies, sondern die pragmatische Entscheidung, dorthin zu ziehen, wo hoffentlich »Ordnung, Friede und vor allem Freiheit herrschten. Solche Länder sind auf dem afrikanischen Kontinent äußerst rar – nicht einmal in Nordafrika findet man sie wirklich.« (ebd.) Und auch wenn das Versprechen des Friedens und vor allem das der Freiheit in Europa lang nicht für alle gilt, ist es gut, weit weg von den Foltergefängnissen des Kongo einmal durchatmen zu können.

Leben im rechtlichen Limbo

Emmanuel Mbolela wuchs in den 1970er-Jahren in der kongolesischen Stadt Mbujimayi auf. Seine Politisierung beschreibt er in erster Linie als die Erkenntnis einer Notwendigkeit: Irgendwer muss schließlich dazu beitragen, dass die ganze Welt demokratischer wird. Für solche Bestrebungen ist der Kongo der 1980er- und 1990er-Jahre ein anspruchsvolles Pflaster. In sehr jungen Jahren engagiert sich Mbolela in der UDPS, der »Union für Demokratie und sozialen Fortschritt« unter Étienne Tshisekedi; ein Engagement, das unter der Regierung Kabila mit brutaler Repression beantwortet wird. Nach einer Gefangennahme, deren gewalttätige Details Mbolela in seinem Buch nur andeutet – »Das Martyrium, das wir in den Verliesen der Spezialkräfte erleiden mussten, kann nicht mit Worten beschrieben werden.« (S. 55) –, flieht er aus dem Land, dessen Demokratisierung er am meisten ersehnt.
Mbolela hat eine solidarische Art, über seinen »Weg vom Kongo nach Europa« zu schreiben. Er denkt das Leben der anderen mit, die er trifft, von denen er hört, mit denen gemeinsam er sich organisiert. Er bedenkt, was es für Kinder bedeutet, im Limbo zu leben, versucht nachzufühlen, welcher speziellen sexualisierten Gewalt seine Weggenossinnen ausgesetzt sind. In langen Passagen überlässt er ihren Stimmen die Bühne; tritt einen Schritt zurück, um andere sprechen zu lassen und damit einer kollektiven Geschichte den Weg zu bereiten. Das macht seine Erzählung zu einer Rarität. Doch er schreibt bei weitem nicht nur von der Gewalt, der Menschen ausgesetzt sind, die alle Kräfte zusammennehmen, um sich von Zuhause loszusagen. Die Quintessenz kehrt immer wieder: Man muss sich organisieren, selbst und für die eigenen Belange. Das kann mühsam sein (wenn man um Verständnis ringt) und es kann weh tun (wenn man der Behördengewalt ausgesetzt ist), aber es führt kein Weg daran vorbei: »Die Dinge stehen schlecht im Kongo. Das Land braucht dringend Leute wie dich!«, sagen seine Freund_innen ihm am Telefon quer über die Kontinente. »Doch auch hier in Europa war genug zu tun. Ich sah, dass die Situation der Sans Papiers in allen Ländern des Kontinents desaströs war. Ihnen wurden die elementarsten Rechte verweigert, während die EU gleichzeitig behauptete, ein Garant für die Menschenrechte zu sein.« (S. 211).

Mauerfall, Mauerbau

Während 25 Jahre Fall der Berliner Mauer als Symbol für eben diese Menschenrechte herhalten sollen, muss man angesichts der europäischen Außengrenzenpolitik entweder auf die Revolution hoffen oder schier verzweifeln. Die einen feiern das Jubiläum, die andern sind von der Party ausgeschlossen. Und wenn man mit Hubschraubern und Kriegsschiffen dafür sorgen muss!
Dieser Tage geht die italienische Marineoperation mit dem von antiker Reminiszenz und geopolitischer Potenz geküssten Namen »Mare Nostrum« ihrem Ende zu. Als Reaktion auf die großen Schiffsunglücke im Oktober 2013, bei denen mehrere hundert Menschen den Tod fanden, der so leicht zu vermeiden gewesen wäre, beschloss Italien einen Alleingang in der Grenzsicherung kombiniert mit Seenotrettung. Mit einem ungeheuren finanziellen und materiellen Aufwand wurde die italienische Seeflotte ausgeschickt, Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu retten. Nicht nur zu retten, versteht sich – sondern potentiell auch zurückzuschicken, Fluchtwege abzusperren, Verfahren abzukürzen. Aber eben auch: zu retten. Von achtzig- bis hunderttausend Menschenleben geht man aus, die durch »Mare Nostrum« vorm Tod durch Ertrinken im Mittelmeer gerettet wurden. Und die EU-Granden? Bejubeln und zelebrieren sie diesen überfälligen Schritt hin zu einem sicheren Grenzübertritt? Weit gefehlt. »Mare Nostrum« wird nicht mit EU-Geldern weiterfinanziert; an seine Stelle tritt die unvermeidliche Grenzschutzagentur Frontex. Sie operiert unter dem göttlichen Namen »Triton« und soll die Meeresgrenze noch unpassierbarer machen, als sie ohnehin schon ist. Wenn die Grenze dicht ist, schlussfolgert der kluge Kopf an Frontex’ Spitze (seit 2014 Gil Arias-Fernández), dann fahren die Leute gar nicht erst aufs Mittelmeer hinaus, und wenn sie nicht hinausfahren, können sie auch nicht ertrinken. Und er setzt seine zynische Version wider besseres Wissen bei der EU-(Innen)Kommission durch.
Bilder des Zynismus gehen massenhaft um die Welt – das aktuellste, brutalste ist jenes, das José Palazón von der Menschenrechtsorganisation Prodein in Melilla gemacht hat: Menschen sitzen auf hohen Grenzdraht-zäunen, können nicht vor noch zurück, und keine fünfzig Meter weiter frönen andere unbeeindruckt davon dem Golfspiel – welcome to Europe! Augenscheinlicher kann die Differenz im Ressourcenzugang nicht mehr werden. Bilder, möchte man meinen, helfen nämlich gar nichts. Nicht das fehlende Wissen über die Zustände ist das Problem, sondern die fehlenden Strategien, ihnen beizukommen.

Leben retten, Fluchtwege freihalten

Von über 3300 Menschen geht der UNHCR aus, die in diesem Jahr ihr Leben auf dem Fluchtweg über das Mittelmeer verloren haben. Dass die Querung des Mittelmeers politisch erschwert bis verhindert wird, ist bei weitem nicht die einzige Katastrophe auf den weltweiten Migrationswegen; aber es ist eine von jenen, an denen sich sehr simpel aufzeigen lässt, wie einfach es wäre, den Tod von Tausenden zu verhindern.
Einen sehr direkten Weg, sich einzumischen, haben die Organisator_innen von MOAS (Migrant Offshore Aid Station) gewählt. Getreu dem Aufruf des Papstes, sich für das Überleben von Flüchtlingen einzusetzen, haben sie von Malta aus die erste private Flüchtlingsbootrettung gestartet. Mit einem Edelschiff namens »Phoenix 1« ausgestattet und als professionelles Team in den Bereichen Medizin, Militär, Medien und Seefahrt aufgestellt, geht die »Catrambone Family« in maltesischen Gewässern der Seerettungsmission nach – das Seerecht verpflichte sie dazu. Mehr davon!
Im Oktober haben nun Aktivist_innen aus Nordafrika und Europa ein Notruftelefon für Flüchtlinge in Seenot am Mittelmeer eingerichtet; auch Emmanuel Mbolela ist einer von ihnen. Von mehreren Städten Europas und Nordafrikas aus organisiert, ist das »Watch the Med Alarm Phone« vierundzwanzig Stunden erreichbar. Die Telefonnummer wird weitergereicht, wo Menschen die Fahrt übers Mittelmeer wagen (müssen), um Richtung Europa aufzubrechen. Geraten sie in Seenot, können sie eine zentrale Nummer anrufen und sich darauf verlassen, dass die entsprechende Küstenwache alarmiert wird. Die sehr unmittelbare Idee des »Alarm Phones« ist es, dem täglichen Sterben etwas Handfestes entgegenzusetzen. Über die Lebensrettung hinaus soll aber auch ein politisches Statement gesetzt werden: Es geht nicht »nur« darum, jemanden vor dem Ertrinken zu retten, sondern auch darum, die Bewegungsfreiheit durchzusetzen; nach der Seenotrettung kann nicht die Abschiebung kommen; retten und dann willkommen heißen, muss die Reihenfolge sein. Und: Schaut an, es wäre ein Leichtes, das Mittelmeer zu einem sicheren Fluchtweg zu machen. Bis es soweit ist, müssen eben viele selbstgemachte Fluchtwegsicherungen installiert werden.

Emmanuel Mbolela: Mein Weg vom Kongo nach Europa. Zwischen Widerstand, Flucht und Exil. Mit einem Vorwort von Jean Ziegler, aus dem Französischen von Dieter A. Behr. Mandelbaum Verlag 2014

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