Jenseits eines voyeuristischen Blicks

Luzenir Caixeta über die komplexe Welt der Sexarbeit.

Zahlreiche Sex Shops, Laufhäuser, Bordelle, Peepshows... Die lukrative Sexindustrie wird oft mit einem voyeuristischen Blick betrachtet. Sexar-beiter_innen werden meist auf ihre Tätigkeit reduziert und zu Opfern gemacht. Obwohl sie die zentralen Akteur_innen sind, werden ihre zunehmende Prekarisierung, ebenso wie ihre Rechte und Widerstandsstrategien ausgeblendet. So schlägt die gesellschaftliche Doppelmoral zu und trifft dabei vor allem Migrant_innen. Ob Sexarbeit, bezahlte Hausarbeit, Kranken- und Altenpflege, Kinderbetreuung, Mini-Jobs im Supermarkt oder in Hotels, Beschäftigung in Call Centern, es handelt sich um prekarisierte Arbeitsbereiche im informellen Sektor, in der die Anzahl und die Bedeutung von Migrant_innen rasant zunehmen. Dieses Kontinuum von »Sex – Fürsorge – Pflegearbeit« ist durch einen systematischen Ausschluss von Arbeits- und Sozialrechten gekennzeichnet.[1]
Die Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen ist ein Produkt sowohl diskursiver als auch rechtlicher und wirtschaftlicher Faktoren. De-Industrialisierung, immaterielle Produktion, Feminisierung der Arbeit, transnationale Migration, die Mobilität von Kapitalinvestitionen und die weltweit ungleichen ökonomischen Verhältnisse spielen in den Produktionsprozessen in den postfordistischen Gesellschaften eine prägende Rolle.[2] Die neoliberale Umgestaltung dieser Prekarisierungsprozesse, die unter den Stichwörtern Flexibilisierung, Deregulierung usw. die gesellschaftspolitischen Debatten beherrschen, brachte eine Vielfalt prekärer Arbeits- und Lebensbedingungen mit sich.
Sexarbeit und feministische Positionierungen
Sexarbeit ist einerseits geprägt von Prozessen globaler Entgrenzung und zugleich von neuen Grenzziehungen im Rahmen internationaler Mobilität. An dieser Stelle sollen nur die zwei zentralen Positionen der feministischen Debatte über Prostitution skizziert werden: der neo-abolitionistische Ansatz, der sich für die Abschaffung von Prostitution einsetzt, und der Legalisierungsansatz, der sich für die Rechte der Sexarbeiterinnen einsetzt.
Der neo-abolitionistische Ansatz, wie er von der Coalition Against Trafficking in Women (CATW) vertreten wird, definiert Prostitution als sexuelle Ausbeutung, als Akt der Viktimisierung aller Frauen und als Menschenrechtsverletzung: Prostitution sei bezahlte Vergewaltigung und ein pathologischer Auswuchs des Patriarchats. Die Frauen in der Sexarbeit handelten demnach nicht freiwillig, deswegen müsse Prostitution abgeschafft werden.[3] Jede Form von Migration zum Zweck der Prostitution wird mit Frauenhandel gleichgesetzt und damit werden den Migrantinnen eigene Handlungsmöglichkeiten per se abgesprochen. (www.catwinternational.org)
Die Gegenposition auf internationaler Ebene wird durch die »Global Alliance Against Trafficking in Women« repräsentiert (GAATW). Sie unterscheidet zwischen Frauenhandel und Zwangsprostitution auf der einen und freiwilliger Prostitution auf der anderen Seite, und betont die Selbstbestimmung der Frauen in der Sexarbeit. Prostitution wird als eine Dienstleistung gesehen, die gleiche Anerkennung und Schutz verdient wie jeder andere Beruf und die grundsätzlich freiwillig aufgenommen werden kann. Es wird erkannt, dass die Unterwerfung unter die vielfältigen prekarisierenden Zwangsverhältnisse zugleich erweiterte Handlungsspielräume bieten kann. Bereits das Ausbrechen aus elenden ökonomischen Verhältnissen oder patriarchalen Strukturen im Herkunftsland und der Schritt in die Lohnarbeit im Ausland kann eine erste Erfahrung von Selbstermächtigung sein. In diesem Sinne liegt der Fokus auf der Schaffung von besseren, geregelten Arbeitsbedingungen für Sexarbeiterinnen durch gesellschaftliche und legale Anerkennung von Prostitution als Arbeit. (www.gaatw.org)
In Österreich wird Sexarbeit zwar reglementiert (teilweise vom Bund, teilweise vom Land, teilweise von BH-Finanzämtern), aber immer noch als »sittenwidrig«. Dadurch werden u.a. Verträge im Rahmen dieser Tätigkeit ungültig gemacht, Arbeitnehmer_innenschutzbestimmungen verunmöglicht und die Kriminalisierung von Sexarbeiter_innen weiter fortgesetzt. Dabei wird die Tatsache verkannt, dass Sexarbeit eine gesellschaftliche Realität und von einer hohen Nachfrage gekennzeichnet ist. Somit ist sie ein deutlicher Ausdruck einer Doppelmoral, die sich sowohl auf politischer als auch auf gesellschaftlicher Ebene manifestiert.[4]
Sexarbeiter_innen, trotz struktureller Gewalt
Ein Faktor, der die Prekarisierung von Sexarbeiter_innen im Besonderen fördert, ist ihr sozialer Status. Denn in den meisten Gesellschaften ist Sexarbeit ein stigmatisierter Bereich. Migrant_innen (in Österreich ca. 90% der Sexarbeiter_innen) werden mehrfach, als »Ausländer_innen« und als »Prostituierte«, ausgegrenzt und stigmatisiert. Darüber hinaus haben Sexarbeiter_innen in Österreich zwar zahlreiche Pflichten (Registrierung, Steuerpflicht, wöchentliche amtsärztliche Untersuchungen, Kranken- und Unfallversicherung, Tätigkeit nur an genehmigten Arbeitsorten), aber unverhältnismäßig wenige Rechte (wie etwa Arbeitnehmer_innenschutzbestimmungen). Prostitution gilt weder als unselbstständige Erwerbstätigkeit noch ist sie als Gewerbe anerkannt. Sexarbeiter_innen müssen daher als Scheinselbstständige betrachtet werden, da es an den Arbeitsorten sehr wohl fixe Arbeitszeiten und Regelungen gibt. Die Liste der Missstände und Nachteile ist lang: ein unregelmäßiges Einkommen; Arbeit oft sieben Tage die Woche, zwölf Stunden pro Tag/Nacht, in verrauchten Räumen, bei hohem Lärmpegel, ohne Fenster, strenge Kontrollen, lästige Kunden, die Unsafe-Sex-Praktiken einfordern usw..
Aufgrund der restriktiven Migrationspolitik der letzten Jahre wird es für Personen aus nicht EU-Ländern beinahe unmöglich, legal in der Sexarbeit tätig zu sein. Bereits mit der Novelle zum »Ausländerbeschäftigungsgesetz« 2006 wurde dazu beigetragen, dass Sexarbeiter_innen, die seit Jahrzehnten mit dem sogenannten »Selbstständig ohne Niederlassung« Titel gearbeitet hatten, illegalisiert wurden.
Die Arbeit bringt aber auch gewisse Vorteile: Es ist der Arbeitssektor, in dem Migrant_innen das meiste Geld verdienen können. Je nach Sektor der Sexindustrie bietet der Job zudem Flexibilität. Auch ist es möglich, Sexarbeit als Nebenjob auszuüben, da es keine vertragliche Bindung gibt und meist keine Ausbildung erforderlich ist. Darüber hinaus stellt es eine Möglichkeit dar Kontakte zu knüpfen, Fremdsprachen zu üben, etc.
Widerstandsperspektiven
Dieser kurze Überblick macht klar, dass die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter_innen in Zusammenhang mit dem Kampf in anderen prekären Dienstleistungssektoren erstritten werden kann und soll. Anti-Prostitutions- und Anti-Migrationspolitik haben erfahrungsgemäß eine negative Auswirkung auf die Rechte der in der Sexarbeit Tätigen. Weder die Nichtanerkennung noch das Verbot von Sexarbeit haben das Wachstum des Sektors verringert. Eine moralistische Sichtweise auf Sexarbeit ignoriert lediglich die Lebensrealität vieler Frauen (sowie Transgender und Männer). Repressive Politik hinsichtlich Migration, der öffentlichen Ordnung und Moral haben zu einer größeren Verletzbarkeit der Sexarbeiter_innen mit all ihren negativen Konsequenzen für ihre Gesundheit und Sicherheit geführt.
Das Internationale Komitee der Rechte von SexabeiterInnen in Europa (ICRSE) schlägt daher vor, einen Prozess in Gang zu setzen, der die Rechte der Sexarbeiter_innenbewegung in Europa stärkt. Organisationen, die sich für die Rechte von Sexarbeiter_innen einsetzen, haben sich zudem entschieden, sich mit neuen Verbündeten in Menschenrechts-, Arbeits- und Migrationsrechtsorganisationen zusammenzutun. (www.sexworkeurope.org)
In Oberösterreich wird derzeit ein »Sexualdienstleistungsgesetz« (SDLG) erstmals diskutiert, das das bisherige Polizeistrafgesetz dieser Materie betreffend ablösen soll. Ob wirklich Veränderung (sprich Verbesserung) da zu erwarten sind? Und wenn, dann für wen? Eine Vorstellung von unmündigen Sexarbeiter_innen scheint auch diese Diskussion zu dominieren, da Sexarbeiter_innen nicht in die Entstehung von den Gesetzen einbezogen werden und ihre Lebensrealitäten ignoriert und verkannt werden. Nach der bestehenden Regierungsvorlage bleibt es den Personen verwehrt, der selbstbestimmtesten Art der Berufsausübung nachzugehen und über das gesamte Einkommen aus der Tätigkeit zu verfügen, indem Sexarbeit in der eigenen Wohnung verboten wird. Somit werden Sexarbeiter_innen einerseits in die Illegalität gedrängt, andererseits werden erwachsene Menschen durch die auferlegten Kontrollpflichten der Lokalbetreiber_innen paternalistisch entmündigt.[5]
Die Probleme der Diskriminierung, Stigmatisierung und Kriminalisierung sind nicht spezifisch für dieses Beschäftigungsfeld, sie können jedoch nur durch (Selbst-)Organisationen, die sich für die Rechte der Sexarbeiter_innen und die Entkriminalisierung auf rechtlicher Ebene einsetzen, bekämpft werden.[6]
maiz setzt sich seit Anfang der 90er Jahre für die Anerkennung von Sexarbeit als Erwerbsarbeit ein und trägt somit zu diesem Kampf bei. Es geht darum, in diesem »Spannungsfeld zwischen Stigmatisierung und Selbstermächtigung«[7], subversives Potenzial und Widerstandsperspektiven auszuloten. Darüber hinaus bemüht sich maiz Raum für eine kollektive Organisation von Migrant_innen in der Sexarbeit, sowie verschiedener Migrant_innengruppen zu schaffen und deren Interessen und Forderungen zu bündeln, indem die Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen prekären Arbeits- und Lebensbedingungen ins Zentrum gerückt und gemeinsam nach außen getragen werden. Denn, wir glauben nicht nur an Veränderung, wir arbeiten daran!

[1] Vgl. Luzenir Caixeta: »Precarius labor et stuprum corporis. Prekarität und die bezahlte sexuelle Dienstleistung« In: Kulturrisse, Ausgabe 2/2005
[2] Luzenir Caixeta / Encarnación Gutiérrez Rodríguez u.a.: Haushalt, Caretaking, Grenzen… Traficantes de Suenos, Madrid 2004
[3] Vgl. Kathleen Barry: The prostitution of sexuality. New York 1995
[4] Vgl. Gergana Mineva: Sexarbeit: eine Arbeit »wie jede andere!« oder: Warum will sie anonym bleiben?, Text noch nicht veröffentlicht, 2011
[5] Ibid
[6] Vlg. Judith Kilvington/ Sophie Day/ Helen Ward: Prostitution Policy in Europe: A Time of Change?, Feminist Review, Nr. 67, Spring 2001
[7] Vgl. Nele Bastian, Katrin Billerbeck (Hg.): Prostitution als notwendiges Übel? Analyse einer Dienstleistung im Spannungsfeld von Stigmatisierung und Selbstermächtigung, Tectum Verlag, 2010

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