Belfast and furious

Stefan Rois über Unruhen in Nordirland. Und über innere Unruhen – ausgelöst durch Flaggenfetischismus, linken Nationalismus und die eigene Dekadenz.

Eine Linie gepanzerter Polizeiwägen riegelt die Straße ab. Die Belfaster Exekutive hat die Demonstrierenden großräumig eingefasst. Über uns kreist ein Helikopter. Lautstark. Der Politiker am provisorischen Podium hat trotz Megaphon Mühe, den Lärm der Rotoren zu übertönen. »No surrender!« Die Masse brüllt. Selten habe ich mich so sehr als Journalist empfunden wie in diesen Momenten. »Hier passiert was. Und ich bin dabei.« Das denke ich - mit gesteigerter Pulsfrequenz im Getümmel stehend - und weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ich mich dafür ein wenig schämen werde, Stunden später, wenn das Spektakel vorüber ist.

Ich stelle eine Frage, beinahe schreiend, und halte das Mikrophon vor eine blau-rot-weiße Kapuze. Mein Gegenüber antwortet: »This is Great Britain: Where is the flag?« Wir sind umgeben von Dutzenden wehenden Wimpeln und Fahnen. Union Jack. Überall. Vom Kinderwagen bis zum vermummten Hooligan - nahezu alles und jede/r stellt die Farben Großbritanniens zur Schau. Nur dort oben, auf der City Hall of Belfast, dort ist keine Flagge zu sehen. »That‘s why people are angry.«

Ein fehlendes Stück Stoff ist zum roten Tuch geworden. Seit mehr als 100 Jahren hatte die Flagge des Vereinigten Königreichs auf dem Rathaus der nordirischen Hauptstadt geweht. Bis im Dezember 2012 der Beschluss gefasst wurde, die Flagge nur noch an 17 symbolträchtigen Tagen im Jahr zu hissen. Die irisch-nationalistischen Kräfte im Stadtrat hatten sich mit einer knappen Mehrheit durchgesetzt. Für die königreichstreuen UnionistInnen ein Schlag ins Gesicht. Die Folge waren wochenlange Proteste. Verkehrsblockaden, brennende Busse, Anschläge, Morddrohungen, blutige Ausschreitungen. Die Ausläufer dieses »Flag Riots« erlebte ich vor Ort.

Im Rahmen eines EU-Projektes waren eine Kollegin und ich im Jänner dieses Jahres nach Belfast geflogen. Im Auftrag von Radio FRO tauschten wir uns dort mit VertreterInnen anderer freier Radiostationen aus. Spannender als die Vorträge und Diskussionen empfand ich die Abende in den dunklen Pubs, wo ich bei reichlich Guinness reichlich lernte. Allen voran über die Auseinandersetzungen in Nordirland. Die gewaltvollste Phase, die Ende der 1960er einsetzte und bis Ende der 1990er andauerte, forderte bekanntlich tausende Todesopfer - auf katholischer und protestantischer Seite. Doch halt. Hier gilt es die Worte mit Bedacht zu wählen.

Sicherlich sind die irischen NationalistInnen fast durchwegs katholisch und die pro-britische Fraktion ist nahezu flächendeckend protestantisch. Doch im Gegensatz zum medialen Bild, das hierzulande und auch auf den Inseln vermittelt wird, ist dieser Konflikt nur oberflächlich ein religiöser. Um es in den Worten eines nordirischen Kollegen zu formulieren: »In diesem Kampf geht es nicht darum, ob Maria eine Jungfrauengeburt hatte oder nicht.« Der Mythos des Religionskrieges kommt London gelegen. Solange sich in Nordirland FanatikerInnen aufgrund von Glaubensdifferenzen die Köpfe einschlagen, kann man sich als die Stimme der Vernunft inszenieren und seinen Einfluss legitimieren. Hier liegt eine historisch-politische Perversion vor; muss doch Großbritanniens, bzw. Englands allmähliche Invasion, die mit der Eingliederung Irlands ins Königreich um 1800 vorerst abgeschlossen wurde, als entscheidende Wurzel der Spannungen gelten.

Doch dies ist kein anti-britisches Pamphlet. Einseitige Schuldzuweisungen, ja vielleicht Schuldzuweisungen generell, sind niemals ein Gewinn. Schon gar nicht in Bezug auf einen dermaßen leidvollen Konflikt, der sich mittlerweile über Jahrhunderte erstreckt und an Komplexität kaum zu überbieten ist. Und selbst eine reflexartige Sympathie gegenüber den Underdogs liegt mir fern. Im Gegenteil. Der Nationalismus mancher irischer KollegInnen hat mir schwer zu denken gegeben. Umso mehr, weil diese Menschen in Hinblick auf die meisten politischen Fragestellungen progressive, weltoffene Positionen vertreten. Der Primat der Ökonomie, der materialistische Wertekatalog, die finanzkapitalistisch-neoliberalistische Megalomaschine, Sexismus, Homophobie: All das und noch viel mehr wird kritisch beäugt oder offen bekämpft. Aber »No borders«? No way. Sie identifizieren sich mit einer vermeintlich geschlossenen Kultureinheit und kämpfen für die Unabhängigkeit einer bestimmten Gruppierung, derer sie sich zugehörig fühlen.

Überheblichkeit ist jedoch fehl am Platz. Ich habe leicht reden. Meine Sprache ist keine bedrohte Minderheitensprache. Und nie habe ich Repressionen aufgrund meiner Ahnenreihe erlitten. Zusätzlich bin ich durch die mitunter grauenhafte Geschichte »meines« Landes geprägt, in der das Denken in Kategorien wie »Volk«, »Nation« oder gar »Rasse« unsäglichen Horror hervorgebracht haben. Patriotismus ist für mich in erster Linie eine Einübung in den Faschismus. Bei allem Verständnis der konkreten Bedingungen, unter denen »Nationalismus von unten« entstehen kann: Ich sehe keinen guten Grund, mein Selbstbewusstsein aus meiner Herkunft zu generieren, aus meiner Art zu reden oder aus den Gepflogenheiten des Kulturkreises, in den ich hineingeboren worden bin. Und wenn irgendeine Kronbergerin als Schnellste in den Zielraum wedelt, will ich mich erst fragen: »Wos wor mei Leistung?«, bevor ich »Wir sind Weltmeisterin!« rufe. Pluralität und wechselseitige Anerkennung: Na no. Identitätsstiftung durch harte Ab- und Ausgrenzung: No way.

Und doch merkte ich, als ich mich ein wenig schämte, Stunden später, als das Spektakel vor dem Belfaster Rathaus vorbei war, dass etwas in mir Neid verspürte. Auf meine pro-irischen KollegInnen, auf die loyalistischen DemonstrantInnen. Etwas in mir hätte auch gerne ein ganz klares Kampfgebiet, eine/n deutlich auszumachende GegnerIn, eine unausweichliche Konfrontation. Und ein Teil meiner Scham speiste sich aus dem enormen Zynismus, der in dieser Gefühlsregung lag. Ich flog zurück nach Linz und fiel in ein Loch. Als ich wieder heraus kletterte, war ich der Pubertät entwachsen. Wir brauchen keinen Feind. Wir brauchen Ideen für eine bessere Welt. Und: Es gibt zu tun. Mehr als genug.

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