Tonja Grüner: Menschengroße Ohren  
Tonja Grüner
 
 

aus der Kellergasse überhaupt. Sie sind ihr vertraut, von Morgen bis Abend. Jetzt lernt sie auch die Geräusche der Nacht kennen. Sie sind ungewohnt. Manchmal legt sie sich schon sehr zeitig ins Bett in der Hoffnung, sie werde schon schlafen können, bis die Nacht kommt. Doch je mehr sie sich wünscht zu schlafen, desto wacher wird sie. Das heißt: ihre Ohren werden immer wacher. Und dann fängt sie an, am ganzen Körper zu hören. Sie wird zu einem Paar menschengroßer Ohren, die im Bett liegen und alles registrieren, was es zu hören gibt. Sie hört sogar die Stille. Dann fängt plötzlich ihr Herz an, wie rasend zu schlagen, und sie hört ihr Blut, wie es durch den Körper jagt. Sie hört es in den Beinen und in den Armen, besonders in den Armen, besonders in den Fingern und Zehen, und ungewöhnlich laut im Hals und im Kopf. Und dann denkt sie, wie es wäre, wenn es plötzlich aufhören würde so laut zu sein, wenn dieses Pochen und Jagen aufhören würde, und - denkt sie - dann würde ich gestorben sein. Und dann wartet sie, ob es aufhören wird oder nicht. Wenn es manchmal besonders schlimm ist, meint sie, ihr Bett im Rhythmus mitschwingen zu fühlen. Und sie liegt da und überlegt, ob es plötzlich aufhören wird oder ganz allmählich. Und dann rechnet sie. Ihre Mutter hat auch schlecht gesehen, zuletzt war sie blind gewesen. Die Mutter war schon mit sechzig blind gewesen, aber sie hatte dann noch zwanzig Jahre gelebt. Ich habe mich länger gehalten, denkt sie, ich bin schon einundsiebzig und noch nicht ganz blind. Also muß es noch nicht sein, daß ich jetzt schon sterbe. Den Vater kann sie nicht zählen, der ist mit vierzig verunglückt. Also wird es heute nicht sein, denkt sie, zumindest ist es nicht wahrscheinlich.

 
Tonja Grüner
 
  Gegen Morgen kann sie dann meistens schlafen. Aber es ist ein leichter Schlaf, und manchmal glaubt sie am nächsten Tag, sie hätte auch während des Schlafens gehorcht und sie könnte sich sogar noch daran erinnern.
Am Tag ist es besser. Oder es ist überhaupt nicht da. Da wundert sie sich dann darüber, und manchmal lacht sie sich sogar aus und redet sich ein, sie habe keine Angst. Aber sie weiß, daß die Nacht wiederkommen wird, und da fängt sie an, Angst vor dem Abend und vor der Nacht zu haben.
Sie läßt einen Brief an ihre Tochter schreiben. Diese kommt auch, sie stellt fest, daß der Mutter von der Krankheit etwas geblieben sei, und will sie in die Stadt mitnehmen. Dazu kann sich die alte Frau nicht entschließen. Als dann die Tochter so nebenbei meint, eine Operation könnte ihren Augen bestimmt helfen, da weiß sie, daß es richtig ist, hierzubleiben.
Die eine Nacht, die die Tochter hierbleibt, ist angenehm. Sie sprechen fast bis Mitternacht miteinander, dann legen sie sich nieder und sprechen noch im Liegen weiter. Sie schlafen in einem Zimmer. Die Betten mit den hohen Kopfteilen, die bis unter die niedrige Holzdecke aufragen, stehen an den Wänden und lassen in der Mitte einen schmalen Gang frei. Dort an der Stirnseite ist das kleine Fenster hinunter in die Kellergasse. Sie hat sich nie entschließen können, das zweite Bett hinauszugeben. Sie hat sich daran gewöhnt, sich beim Aufstehen mit der rechten Hand auf dem gegenüberliegenden Bett abzustützen und dann die Beine mühsam herauszuzerren. Und jetzt ist sie froh, daß die Tochter im anderen Bett schläft. Vielleicht kann sie öfter kommen. Die Nacht nach dem Besuch der Tochter ist dann besonders arg. Sie wäre froh gewesen, wenn die Tochter noch eine Nacht hätte bleiben können. Sie hat sich nie viel von ihren Kindern gewünscht oder erwartet, aber diesmal hätte sie es gerne gehabt, wenn die Tochter geblieben wäre. Und jetzt muß sie an Horst, an ihren Sohn, denken. Sie will ja nicht. Aber wehren kann sie sich nicht dagegen. Früher hat e r in dem zweiten Bett geschlafen. Ja, und sie hat ihm nicht verboten, ein Motorrad zu kaufen. Sie hat gesagt, daß sie es für gefährlich hielt, aber der Horst hat nur gelacht und gemeint, er würde schon aufpassen und i h m würde bestimmt nichts passieren.
Und dann blieb eines Tags ein Auto vor dem Haus stehen, Türen wurden geöffnet und zugeschlagen, Stimmen sprachen durcheinander, und irgendetwas kratzte und scheuerte, als ob man irgendwo irgendwas herauszöge. Und dann Schritte um das Haus herum, sie mühten sich die Stiegen herauf, und s i e erkannte die Schritte nicht. Es klopfte, und eine Männerstimme fragte nach ihrem Namen, und dann brachte man etwas zur Tür herein. Und dann erkannte sie eine Stimme, es war Ernst, ein Freund vom Horst, und er erzählte, wie es geschehen war. Und daß die Rettung gleich gekommen wäre, aber nichts mehr hatte tun können. Und da beugte sie sich über Horst, ganz nah über ihn, damit sie ihn vielleicht doch noch erkennen konnte, aber sie sah nichts, und da wollte sie sein Gesicht in die Hände nehmen, aber da war nichts Vertrautes mehr, alles war anders, und es war klebrig, und es roch süßlich, und sie mußte sich fast erbrechen. Man trug ihn wieder hinaus, und sie versuchte, sich sein Gesicht vorzustellen, aber es gelang ihr nicht mehr. Daran mußte sie jetzt denken, und plötzlich hatte sie sein Gesicht vor sich.
 
Tonja Grüner
 
 

Tonja Grüner. Menschengroße Ohren. In: Facetten '74, Literarisches Jahrbuch der Stadt Linz. Wien- München: Jugend und Volk, 1974, S. 173 - 175.




 
 
 

Tonja Grüner

Tonja Grüner, geboren 1943 in Svitávy, heute Tschechien. Textiltechnikerin lebt in Losenstein, OÖ. Spielte und inszenierte zwischen 1965 und 1970 an Kleinbühnen. 1971 erste Veröffentlichungen im ORF. 1971 erstes Stück „Johanna“. Schreibt neben Hörspielen Lyrik und Kurzprosa.