Alfred Komarek

Route 4
Von Wasser zu Wasser (17.-23.8.)
Hochgang und Tiefgang


Der Dachstein und das Tote Gebirge waren dereinst eine Einheit. Dann zerbrach das gewaltige Massiv, bäumte sich an der Bruchlinie auf und die unterirdischen Gewässer bahnten sich ihren Weg ins Tal.
Das fruchtbare Zambesital in Zimbabwe und das Leben der "Tonga" waren dereinst miteinander verbunden. Dann zerbrach die Industrie gewachsener Strukturen; die alte Welt der Tonga versank unter aufgestauten Fluten, die zugewiesene Ersatzwelt ist unfruchtbar und trocken.

Es gibt nicht viele Tonga. In unseren Nachschlagewerken werden nur die Shona und die Ndebele erwähnt. Sogar in Zimbabwe sind die Tonga verachtete Außenseiter, mit einer Sprache, in der nicht unterrichtet wird, und die nicht in Schulbüchern steht.

Doch Kunst und Kultur dieses Volkes überleben, weil dieses Volk Kunst und Kultur als Überlebensmittel hat: Den Tanz, die Musik, die Zeremonie. Dreißig Tonga, Musiker und Tänzerinnen, vertauschen unfruchtbaren, wasserarmen afrikanischen Boden mit unfruchtbarem, wasserarmen europäischen Boden; und sie bringen ihre schweren Trommeln und urtümlichen Antilopenhörner mit. Dreißig Tonga und eine unbestimme Zahl von Festivalteilnehmern überqueren das Tote Gebirge. In einem Kernland weißer Zivilisation wird eine fast menschenleere Steinwüste zur Bühne für die Konfrontation mit einer ursprünglichen Art der Kultur.

Sechs Tage dauert diese Expedition in den Karst, von Wasser zu Wasser, vom Usprung der Steyr zum Offensee: Eine große, integrative Zeremonie mit suggestiver Kraft. Bergführer, Medienleute, Funktechniker, Mediziner, Kameraleute, Literaten, Musiker, Komponisten und Festivalteilnehmer werden nebst einer Herde Ziegen und Saumpferden den Troß bilden. Mit der Zahl der Teilnehmer wächst die Größe der Zeltsiedlung rings um die Berghütten. Alpinistische Höchstleistungen werden nicht gefordert: Gute Kondition und Trittsicherheit genügen.

Täglich wird etwa sechs Stunden gewandert und die Abende gehören den Zeremonien der Tonga, deren Kultur die westliche Unterscheidung zwischen Künstlern und Publikum negiert. Wer diese Expedition begleitet, muß sich auch auf das Abenteuer gefaßt machen, die Kultur eines fremden Volkes distanzlos mitzuleben. Außerdem konzertiert das TONGA Ngoma Buntibe Orchester an besonders geeigneten Punkten der Gebirgslandschaft, mag sein, auch am Gipfel des Hohen Priel. Diese Expedition ins Gebirge wird in Tälern Expeditionen in den Köpfen auslösen. Radio und Fernsehen berichten in Live-Übertragungen, Journalisten recherchieren in direktem Kontakt mit den Tonga und das Internet ermöglicht ohne Zeitverlust umfassende Information, unmittelbare Reflektion und die Reaktion der Tonga und ihrer Begleiter.

Natürlich ist es auch möglich, den Weg über das Tote Gebirge nur für eine oder mehrere Etappen mitzumachen und letztlich läßt sich dieser Aufbruch zu neuen Wassern auch an seinem Ziel erleben: Am Offensee. Es wird ein großes Fest geben und alle sind dazu eingeladen: Performanceart als unmittelbare Fortführung uralter Traditionen, Musik, die in ihrer Radikalität mit jedem Afrikaklischee bricht, Tanz, der untrennbar zu dieser Musik gehört und Energiefelder schafft, die keinen unbeteiligt lassen. Bewegtes Feuer wird Spuren in die Landschaft zeichnen: Linien, Kreise, Punkte, ballen sich zu Kugeln, ragen als Säule hoch. Die Trommler, Hornbläser und Tänzerinnen werden den Wegen des Feuers folgen, auseinanderschwärmen, wieder zusammenfinden. *

Sie erleben an diesem Abend eine Weltpremiere: Noch nie war das Volk der Tonga außerhalb ihres Siedlungsgebietes.

Sie erfahren an diesem Abend Kunst, Kultur und Leben als Einheit, ohne Brüche, Widersprüche und Distanzen.

Sie sehen an diesem Abend Ihre eigene, zivilisierte Kunst und Kultur ohne freundliche Filter, vorsichtige Puffer und gezierte Distanzen mit einem Gegenüber von archaischer Kraft, zeitloser Energie und einer Qualität konfrontiert, die ohne intellektuelle Rechtfertigung auskommt. Die Kultur der Tonga ist alles andere als harmlos und das "Campfire Offensee" wird kein Picknick im Grünen. Rechnen sie mit Wirkungen und Nebenwirkungen.

* geplant, aber Durchführbarkeit ungewiß

(veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors)

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